Mitten im Nirgendwo

June 12, 2019

Bereits kurz vor dem Sonnenaufgang sassen wir im Auto, die Hände zu den Belüftungsschlitzen gestreckt, wo langsam immer wärmere Luft hineinströmte. Das Thermometer zeigte minus 20 Grad an. Unsere erste Nacht im Freien war dann auch die eine kalte Nacht zu viel. Und die kälteste Nacht, die wir je erlebt hatten. Schnell waren wir uns einig, dass wir die nächste Nacht im Auto drin verbringen würden und nicht mehr im Zelt auf dem Dach.

 

Draussen ging langsam die Sonne auf, es war still. Eine Stille, die wir so schon lange nicht mehr erlebt hatten. Wir verliessen das Auto. Die Luft war klar, wir sprachen kein Wort, genossen den Moment und hielten Ausschau nach den Pferden. Diese Augenblicke in der freien Natur machten die harte Nacht sofort wieder wett.

 

 

Nachdem wir uns mit warmen Tee vom Vorabend und etwas Frühstück einigermassen erholt hatten, fuhren wir Richtung Kloster Amarbayasgalant, unser erstes Etappenziel. Unsere Strassenkarte zeigte eine Abkürzung an und wir nahmen diese dann auch, zumal unser GPS-Gerät auch in diese Richtung zeigte. Obwohl auf der Karte eine Strasse eingezeichnet war, war der Weg schon bald nicht mehr asphaltiert und wir folgten Spuren anderer Autos am Boden. Wir passierten mehrere Täler, fuhren vorbei an Jurten (mongolisch „Ger“, Filzwandzelt) und an grossen Schaf-, Kuh- und Ziegenherden.

Irgendwann fanden wir zurück zu der Hauptstrasse und erreichten das Städtchen Sant. Es war bereits viel später als eigentlich geplant. Auf der Kreuzung liessen wir dann erst die Kühe passieren, bevor wir  weiter in Richtung zum Kloster Amarbayasgalant fuhren.

Die Strasse führte uns in ein Tal und je weiter wir vordrangen, umso mehr bemerkten wir, dass wir in einer Sackgasse endeten. Auf einmal winkte uns jemand von weiter unten im Tal wild zu. Wir hielten an und versuchten die Handzeichen zu interpretieren. Wollte die Person uns sagen, wir sollen nicht weiterfahren? War es eine Begrüssung? Oder doch ein gut geplanter Hinterhalt? Wir wussten nicht recht und fuhren der Person langsam entgegen.

 

Je näher wir kamen, umso mehr schrumpfte die Person. Wir verriegelten die Türen. Als wir nur noch einige Schritte von der Person entfernt waren, entpuppte sich diese als kleiner, etwa zehnjähriger Junge. Aus dem Auto schauten seine zwei Geschwister, beide halb so gross wie der Junge selbst, alle drei recht zerzaust. Die Motorhaube ihres Autos war offen. Guru bewaffnete sich mit unserem Schweizer Sackmesser und Banana blieb im verriegelten Auto hinter dem Steuer sitzen, jederzeit bereit loszufahren. Guru näherte sich langsam dem Auto und sah sich dabei immer wieder um. Er erkannte auf dem Rücksitz des Autos ein kleines und ganz junges Lämmchen, dass vor sich hin blökte. Es passierte nichts, die Luft war rein.

 

 

Der kleine Bube gab Guru mit Händen und Füssen zu verstehen, dass sein Auto nicht läuft. Guru fackelte nicht lange und überbrückte kurzer Hand das Auto der drei Kinder. Kaum lief das Auto, setzte sich der Knirps hinter das Lenkrad und fuhr weg in die Weiten der Mongolei.

 

Wir schauten verdutzt hinter dem wegfahrenden Wagen hinterher. Einerseits waren wir froh, dass wir nicht ausgeraubt wurden und eine gute Tat vollbringen durften, andererseits waren wir nicht sicher, ob es so gescheit war, die Kinder alleine weiterfahren zu lassen.

 

Andere Länder, andere Sitten.

Wir fuhren noch ein bisschen weiter in das Tal hinein. Um 16 Uhr begegnete uns ein älterer Hirte auf einem Pferd. Wir fragten ihn nach dem Weg und er gab uns zu verstehen, dass wir wirklich falsch sind. Es wurde bereits spät und wir beschlossen, noch in diesem Tal unser Zelt aufzuschlagen.

 

Das Tal wurde lediglich von einem Weg und einem fast ausgetrockneten Fluss durchquert. Wir hielten etwas weiter Weg, in unserem Rücken befand sich ein Hügel. Am Boden waren etwas ältere Spuren von Jurten zu finden, die Mal hier gestanden hatten, und daneben eine Art Feuerstelle. Ein Überbleibsel von einem Stall befand sich etwas weiter weg, heute ist es nur noch von Vögeln bewohnt. Am Boden wurden mehrere Steine aufeinander aufgetürmt. Vielleicht um dem Ort für die Beherbergung zu danken. Am anderen Ende des Tals sahen wir zwei Jurten. Unten am Fluss weideten Pferde.

Wir hatten unterwegs immer wider Holz gesammelt um ein gemütliches Lagerfeuer machen zu können. Das Sammeln war kein einfaches Unterfangen, denn Bäume sind in der Mongolei rar und so hoben wir von ausgetrockneten Grashalmen zu kleineren und grösseren Ästen alles auf, was wir finden konnten.

 

Nach dem Kochen entfachten wir das erste Lagerfeuer. Wir sahen in den wunderbar klaren Sternenhimmel, lauschten dem knirschen des Holzes und waren glücklich.

 

Unser Videomaterial zum Tag 28:

 

 

 

 

 

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