"Iiiiangschooo"

April 7, 2020

 

Der Zug flitzte mit schwindelerregenden 305 Kilometer pro Stunde durch die noch schlafenden südlichen chinesischen Regionen Hunan und Guangxi, vorbei an saftig grünen Bäumen, Reisterrassen, kleineren und grösseren Dörfern, Flüssen und Reihenhaus-Wohnsiedlungen, wobei jeder Wohnblock genau gleich aussah wie sein Nachbar. Die Nacht hatte es durchgeregnet und der Nebel hing noch schwer über der Landschaft. Die Region ganz im Süden Chinas grenzt an Vietnam und ist bekannt für seine Flüsse, zahnartige Karstfelsen, Höhlen und für sein feuchtes subtropisches Klima.

 

 

Wir sassen in der besseren Klasse „Hard Seat“, wo pro Reihe „nur“ fünf Leute sassen. Der Wagon war ausgebucht und es reisten rund 80 Personen mit uns im Wagon. Es war aussergewöhnlich still für chinesische Verhältnisse, vermutlich weil es erst 07 Uhr war.

 

Dank unseres Aufenthalts im Himmel von Changsha fühlten wir uns erholt und unsere Krankheitssymptome waren zurückgegangen. Wir konnten den Luxus der letzten Tage voll geniessen und uns erholen. Das China auch luxuriös kann, beweist auch eine Zahl, die uns später in einer Schweizer Zeitung auffiel. Chinesen die die Schweiz bereisen, geben im Schnitt 380 CHF pro Tag aus. Gut für die Schweiz!

 

Im Zug hatte sich derweil nichts verändert. Es war noch immer still, und wir flitzen von Tunnel zu Tunnel. Unterdessen hatten wir ein solches Tempo drauf, dass wir die Landschaft lediglich während Augenblicken sahen. In diesem Moment vermissten wir die Bummelzüge umso mehr, die langes Aus-dem-Fenster-Schauen ermöglichten wo man ausgiebig die Landschaft bestaunen konnte. Schnelle drei Stunden später erreichten wir auch schon Guilin.

 

Der Hochgeschwindigkeitszug-Bahnhof in Guilin war topmodern. Beim Verlassen des Bahnhofs änderte sich aber die bisher gemütliche Stimmung. Wir wurden sofort von Schleppern umzingelt. Aus allen Richtungen rief man uns „Iiiiangschoooo, iiiangschooo“ zu. „Iangscho“ heissen wir aber nicht. „Iangscho“ wollen wir auch nicht. Unser Ziel war das Hotel Ibis Railway Station und sein attraktiver Preis. Wir winkten also ab, verneinten viele Male und verliessen den Bereich in schnellen Schritten.

 

 

 

Mit „Iiiiangschooo“ meinten die Schlepper übrigens die touristisch relevante Stadt Yangshuo. Konkret wollten sie uns einen Transfer dorthin verkaufen. Ab Yangshuo ist es nämlich nicht mehr weit zu den Karstlandschaften rund um den Fluss Li. Man sagt, Guilin sei die erste Stadt in China, die den Tourismus aktiv gefördert hat. Die Hartnäckigkeit der Schlepper liegt ihnen also verständlicherweise im Blut. Unser Plan war, erst das Basislager für unsere grossen Rucksäcke in Guilin aufzuschlagen. Um danach mit den Tagesrucksäcken einerseits Yangshuo und andererseits die Reisterrassen bei Longji (ab Ping'An) zu erkunden. Zu Letzterem brachen wir noch heute auf.

 

Im Ibis in Guilin fand man unsere Buchungen für den nächsten Abend sofort und es war kein Problem, unser Gepäck zwischenzulagern. Der Manager höchstpersönlich begrüsste uns und das Personal beäugte uns unablässig. Das Ibis lag in einer etwas dubiosen Seitenstrasse vom Bahnhof, wo unfreundliche Ladenbesitzer in ihren mit Plastikstühlen ausgestatteten Restaurants sassen und sich zwei Erotikläden befanden, wo im Schaufenster Liebes-Spielzeug ausgestellt war.

 

Nach dem Deponieren unserer Rucksäcke liefen wir mit unserem leichten Gepäck in Richtung des Busbahnhofs. Leider fuhr dort kein Bus mehr ab. Der Bahnhof wurde umgebaut und niemand wusste so richtig Bescheid, wo welcher Bus nun wo und wann hielt. Wir mussten nun doch wohl oder übel den Dienst der Schlepper in Anspruch nehmen. Ein Schelm, wer denkt, dass der Busbahnhof vielleicht darum so unklar beschriftet ist. Wie auch immer, wir mussten dem Schlepper folgen, der uns an einer vielbefahrenen Kreuzung in einen Bus verfrachtete und wir hofften, dass der Bus auch wirklich nach Longsheng fuhr, einer Zwischenstation bis nach Ping'An.

 

Im Bus sprach man nur chinesisch und nach einiger Zeit warf man uns an einer Kreuzung raus und deutete auf die linke Abzweigung, die den Berg hoch führte und im dichten Wald verschwand. Irgendwo dahinter lag unser Tagesziel, Ping’an. Wir wussten nämlich, dass die Reisterrassen von Longji sich rund um die drei Dörfer Ping’an, Dazhai und Tiantouzhai erstreckten. Unterdessen war es bereits später Nachmittag, die Suche nach dem Bus hatte uns viel Zeit gekostet. Wir waren sehr froh, als plötzlich ein Auto aufkreuzte und uns die letzte Strecke bis zum höchsten Parkplatz mitnahm. Hätten wir die Strecke laufen müssen, wären wir wohl erst spät in der Nacht angekommen.

 

Von Ping'An hatten wir in unseren Köpfen ein Bild von einem kleinen chinesischen Dorf, mit hübschen Holzhäuser und wenigen, friedlichen Chinesen ausgemalt. Ab dem Parkplatz bei Ping'An veränderte sich dieses naive und romantische Bild aber schlagartig. Zuerst wurde von uns das Eintrittsgeld für die Region verlangt. Tourismustaxe. Ab der Kasse schlängelte sich dann ein leicht ansteigender Weg Richtung Dorf. Links und Rechts vom Weg reihten sich ununterbrochen Souvenirladen an Essensstand. Es gab keinen anderen Weg hinauf nach Ping'An. Europapark.

 

Das Wetter war auch nicht so recht auf unserer Seite. Seit unserer Ankunft in Guilin regnete es. Zum Glück befand sich die im Voraus gebuchte Unterkunft, das Long Ji International Youth Hostel, direkt am Anfang vom Dorf. Unterdessen wurde es draussen dunkel und wir freuten uns auf das Nachtessen. Wir beschlossen dafür ein Lokal im Dorf zu finden. Wir stiegen die verwundenen Steintreppen, die sich um die Häuser rankten, hoch und waren wenig überrascht, dass es sich bei praktisch jedem Gebäude um ein Gästehaus, ein Restaurant, ein Souvenirshop oder um eine Karaokebar handelte. Es dröhnte laute Musik durch die Gassen, einige verstümmelte Katzen begegneten uns und die Treppen waren durch die Nässe ganz rutschig. Wir entschieden uns für ein Restaurant und assen zu Nacht. Es war ausgelegt für ca. 100 Personen. Wir waren zu zweit. Kein Wochenende. Auch sonst trafen wir noch nicht viele andere Gäste an. Alles fühlte sich komisch an. So wie in einem verlassenen Freizeitpark, wo die vielen Lichterkette und die Musik vergeblich Stimmung zu machen versuchten.

 

 

Zurück im Hostel trafen wir im Gemeinschaftsbereich auf die deutschen Weltenbummler Elisabeth (55) und Peter (60). Wir verstanden uns auf anhieb sehr gut. Sie, Lehrerin für schwer erziehbare Kinder in der Schweiz, und er, Kirchenrestaurator, waren äusserst interessant. Besonders gut waren die Gespräche, in denen wir uns über die Erfahrungen in China austauschen konnten. Wir verglichen, analysierten und diskutierten gesammelte Erlebnisse und Eindrücke. In praktisch allem stimmten wir überein. Der Abend verlief prächtig, bis sich Banana sich zurückziehen musste. Ihr war schlecht und der Magen rebellierte. Die Nacht war kühl, regenreich und ruhig und Banana hoffte auf Besserung über Nacht, damit wir am nächsten Tag die Reisterrassen besichtigen konnten.

 

 

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