Avatarberge im Zhangjiajie National Park

September 25, 2019

Der Science-Fiction-Film „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ war bis Juli 2019 der erfolgreichste Film weltweit, wenn man nach Einspielergebnis geht (abgelöst wurde er durch „Avengers: Endgame“). Umstritten ist, wo genau sich der Regisseur für die schwebenden Hallelujah-Bergen inspirieren liess, jedenfalls pilgern viele Filmtouristen seither zum Zhangjiajie National Forest Park, um die aussergewöhnlichen Felsformationen jenseits vom Bildschirm zu bestaunen. Und so auch wir.

 

Unser Basislager befand sich im Glass Cube Guesthouse, dass wir nach langen Hin und Her trotzdem gebucht hatten. Es überstieg nämlich mit 1'210 Yuan (ca. 170 CHF) pro Nacht ganz, GANZ deutlich unser Budget. Aber ein Glashaus mitten in der Natur konnten wir uns nicht so richtig vorstellen und wir wollten es unbedingt ausprobieren. Kleines Abenteuer gefällig? Aber immer doch!

 

Um von Zhangjiajie zum Eingang des Nationalparks zu gelangen, nahmen wir einen öffentlichen Bus ab dem Zhangjiajie Busbahnhof, der direkt neben dem Zugbahnhof lag. Der Bus hielt nicht direkt vor dem Parkeingang. Wir mussten nochmals eine halbe Stunde laufen. Beim Eingang angekommen, kauften wir uns gleich die Eintrittstickets für 225 Yuan pro Person (ca. 32 CHF). Das Ticket war immerhin für drei Tage gültig und schloss alle Busse im Park ein.

 

 

 

Danach informierten wir die Kontaktperson im Guesthouse via WeChat darüber, dass wir beim Parkeingang angekommen waren. Kurz darauf kam ein Fahrer und holte uns ab. Im Schlepptau hatte er zwei junge Deutsche Touristen, die auch Tickets für den Park benötigten. Wir erfuhren vom Fahrer, dass in China am 1. Mai 2019, d. h. am nächsten Tag, auch den Tag der Arbeit feiert und es darum sehr viele Tagesausflüglerinnen und Tagesausflügler haben wird. Leider konnten wir unseren Besuch nicht mehr verschieben, da wir das Zugticket für die Weiterfahrt bereits organisiert hatten. Wir wollten das Beste daraus machen und den nächsten Tag so nehmen, wie er kommt.

 

Mit dem Auto fuhren wir nochmals zehn Minuten bis zum Parkplatz beim Guesthouse. Von dort aus liefen wir zu Fuss nochmals 20 Minuten viele Steinstufen hoch, die uns durch wunderschönes Grün und vorbei an einigen einfachen Wohnhäuser führte. Das Guesthouse stand auf einer Anhöhe umgeben von üppigem, tropischem Wald. Wir wurden direkt zum Check-in geführt, man servierte uns einen Willkommensdrink (Luxus, Baby, Luxus) und kurz darauf standen wir vor dem Glass Cube.

 

Der Cube sah wirklich cool aus, doch unser erster Gedanke war: Darum sieht man kein Bild online! Wussten wir es doch! Der Glaswürfel stand nämlich zwischen zwei Gebäuden direkt am Pool auf dem Präsentierteller. Kann da jetzt jeder dauernd reinschauen? Genau in diesem Moment, als hätten wir unseren Gedanken laut ausgesprochen, sagte ein Mitarbeiter zu uns: "Dont worry! With a remote control you can darken the windows completely." Und es war effektiv so. Mit einer Fernsteuerung konnte man die Frontscheibe, eine per Knopfdruck schaltbare Folie aktivieren, die auf dem kompletten Frontglas angebracht wurde. Auf der Seite gab es Vorhänge und das Beste war die Möglichkeit auf das Dach zu steigen – wegen der Aussicht. Im Cube gab es auch eine Dusche mit Warmwasser und WC.

 

 

 

Es wurde langsam dunkel und am Pool wurde von den Angestellten ein Lagerfeuer entfacht. Wir gingen ins Restaurant und kamen mit dem Hotelguide ins Gespräch. Dieser erklärte uns geduldig und ausführlich die Sehenswürdigkeiten im Zhangjiajie National Park auf einer Touristenkarte. Der Park sah sehr gross aus, sodass man das Gefühl erhielt, locker drei Tage lang wandern gehen zu können. Wir legten uns aber auf die Hauptattraktionen fest und gingen früh schlafen. Wir wollten einem Tipp des Guides folgen, nämlich bei Parköffnung um 7 Uhr beim Eingang zu sein und den Park im Uhrzeigersinn respektive gegen Westen zu erkunden. Ziel war es, den Menschenmassen die zuerst mit dem Bailong-Lift im Osten hochfuhren, zu entkommen.

 

 

 

 

1. Mai 2019 – Entgegen den Touristenmassen

 

Wir hatten wunderbar geschlafen und drückten am Morgen früh auf den Knopf für den Sichtschutz. Noch im Bett liegend hatten wir eine herrliche Aussicht auf den mystisch dampfenden Wald und den Sonnenaufgang. Wir packten unsere Sachen, assen ein sehr gutes chinesisches Frühstück, aus Reis und Nudel bestehend, und los ging es.

 

 

Wir wussten, es würde ein langer Fussmarsch sein bis zum Parkeingang, wussten aber auch, dass es öffentliche Busse gab, bei denen man einfach zusteigen konnte. Soweit zum Plan. Also liefen wir los, doch es begegneten uns nur Touristenbusse mit vierzigköpfigen Gruppen, die für zwei Europäer natürlich nicht anhielten. Gemäss Maps.me benötigten wir noch rund eine Stunde bis zum Parkeingang. Wir liefen also gleich etwas schneller.

 

Genau in diesem Moment sahen wir einen Asiaten in einer Parkuniform, der am Strassenrand vor einem Wohnhaus hielt. Es sah so aus, als ob er seinen Kollege abholen würde. Guru fragte sogleich, ob die Herren zum Park fahren würden und prompt durften einsteigen und mitfahren. Keine fünf Minuten später waren wir beim Parkeingang. Unterwegs sahen wir aber so ca. 200 andere Personen, die das gleiche Ziel hatten. Es würde wohl richtig voll werden heute.

 

Bei der Ticketkontrolle scannten die Chinesinnen und Chinesen ihre Identitätskarte direkt an einem Lesegerät. Wir unsere Papiertickets. Fingerabdrücke nahm man von uns allen, um den Schwarzmarkt zu unterbinden. Drinnen liefen wir zehn Minuten einer asphaltierten und ebenen Strasse entlang bis zum Carparkplatz, wo die im Parkticket inkludierten Busse hielten. Wir sahen die ersten hohen Wolkenfelsen, die an den Film Avatar erinnerten. Die Spannung stieg.

 

Als Erstes wollten wir hoch zur „Yuanjiajie Touring Line“, von wo man einen Panorama-Blick auf die Avatar-Berge haben soll. Dafür stiegen wir in einen Parkbus, welcher uns bis zur Seilbahnstation „Lower Station of Yangjiajie Cableway“ brachte. Unterwegs stiegen schon viele Menschen an der Haltestelle für die erste Seilbahn aus, wir blieben aber im Bus. Nach 10 Minuten erreichte der Parkbus seine Endstation. Dort mussten wir aussteigen und eine steile, breite und neue Holztreppe etwa 20 Minuten lang durch einen dichtenn Wald hochlaufen. Oben angekommen erwarteten uns Souvenir- und Essensstände, was uns nicht gross verwunderte. Wir gingen vorbei an den ganzen Menschen, die ihre erste Pause brauchten und hoppten wieder in einen Bus, der uns nun noch das letzte Stück bis zur Talstation der „Yangjiajie Cableway“ fuhr. Wir mussten das Ticket ausserhalb an einem Ticketoffice kaufen und drinnen dann kurz anstehen. Die Aussicht war schön, konnte aber die Fahrt vom Tag zuvor im Tianmen Mountain National Forest Park nicht überbieten.

 

 

 

Von der „Upper Station of Yangjiajie Cableway“ gingen wir zu Fuss, an Menschenträger und vielen Essensständen vorbei, zur nächsten Busstation. Dort brachte uns der Bus die letzten Meter bis zur „Yuanjiajie Touring Line“. Diesem gut präparierten Weg entlang der Klippen folgten wir. Rechts von blickten wir auf die spektakulären Kalksteinpfeiler, die bis zu 200 Meter hoch waren. Der Weg führte immer wieder zu kleineren und grösseren Plattformen, von wo aus wir das prächtige Panorama geniessen konnten. Je näher wir zum Bailong-Lift hinbewegten, umso mehr chinesische Touristen begegneten wir nun. Und natürlich auch Souvenirständen, ohrenbetäubender Musik und einem KFC. Wir liessen uns von der Masse treiben.

 

 

Am Ende der Yuanjiajie Touring Line befand sich der Bailong-Glaslift, der aussen an einer Klippe angebracht wurde. Ein umstrittenes Projekt wegen dem Eingriff in die Natur und immer wieder wegen Sicherheitsbedenken. Nichtsdestotrotz ist der Bau spektakulär, denn die 326 Meter-Felswand überwinden die drei Kabinen mit jeweils 3 Metern pro Sekunde. Wir wussten aus Internetrecherchen, dass man an der Talstation locker mal zwei Stunden für die Fahrt anstehen musste und 50 Personen in eine Kabine gequetscht werden. Wir waren gespannt, was uns nun auf der Runterfahrt erwarten würde.

 

Als Erstes liefen wir einem langen Weg entlang, der dazu diente, die Menschenmassen zu kanalisieren. Dabei wurden wir ständig von Musik begleitet, denn es sind kleine Lautsprecher versteckt, die eine Berieselung mit nerviger Musik sicherstellte. Aber auch ohne Lautsprecher wäre es nicht ruhig gewesen. Es kamen uns Hunderte Touristen entgegen. In unsere Richtung ging aber niemand. War dies ein schlechtes Vorzeichen? Würden wir im Lift gar nichts zu sehen kriegen?

 

 

Wir lösten das Ticket und konnten sofort direkt vor der Lifttüre warten. Ein Lift hielt und spuckte 50 Menschen aus. Wir stiegen ein und waren ganz alleine. Niemand stieg dazu. Nur zwei Angestellte, die für die Sicherheit und die Bedienung der Anlage zuständig waren. Wir stellten uns direkt an die Glaswand und schon ging es auch los. Wir schwebten der Felswand hinunter und die Aussicht war atemberaubend. Und dann wurde es plötzlich stockdunkel. Wir erschraken. Wir waren nicht abgestürzt, sondern ca. 1/3 der Fahrt findet im Erdinnern statt und nicht draussen. Das war etwas enttäuschend. Als wir den Ausgang verliessen, bestätigte sich übrigens noch die Infos aus dem Netzt: Eine rekordverdächtig lange Schlange an Menschen wartete beim Eingang für die Hochfahrt.

 

 

 

Bis jetzt noch unerwähnt haben wir, dass es Banana an diesem Tag so richtig schlecht ging. Beim Aufstehen hatte sie schon Halsschmerzen und es ging ihr auch gegen den Nachmittag nicht besser. Den Park nicht zu erkunden kam auch nicht infrage, also stiegen wir nochmals in den Parkbus und liessen uns vom Südwesten im Park in den Nordosten bringen.

 

Die „Tianzishan Cableway“ war auf der Parkkarte ganz klein und unscheinbar eingezeichnet. Wir erhofften uns also nicht viel davon. Auch hier kauften wir wieder ein Ticket. Ausser uns stand niemand an. Wir waren alleine in der Kabine und kaum hatten wir fahrt aufgenommen, kamen wir aus dem Staunen nicht heraus. Es ging steil bergauf und die Aussicht auf die Kalksteinpfeiler, die steil emporragten, verschlug uns den Atem. Teilweise schwebte unsere Gondel zwischen zwei Pfeiler hindurch. Die Fahrt war unvergesslich. Bei der Bergstation verweilten wir noch ein wenig auf der Plattform, genossen die Stille und die Ausblicke auf die grüne Landschaft, die sich wie ein Gemälde unter uns ergoss.

 

 

 

Danach brachte uns der Bus quer durch den Park zurück zur „Upper Station of Yangjiajie Cableway“. Dort, wo wir am Morgen schon waren. Da wir uns den ganzen Tag praktisch nicht bewegt hatten, wollten wir hier zu Fuss den Berg hinunter zur Talstation. Doch wir hatten für einen Moment unsere chinesischen Freunde vergessen. Auch hier war der ganze Weg mit Steinen gepflastert, Absturzsicherungen überall und natürlich an jedem Ecken eine Überwachungskamera. Stellt euch das mal in der Schweiz vor! Es fühlte sich nicht an wie wir das Wandern aus der Schweiz kennen, eher wie das Gehen durch einen Freizeitpark. Schön war es trotzdem. Es führten gefühlt tausend Steinstufen den Wald hinunter. Wir nahmen auf halbem Weg noch einen Umweg über eine Aussichtsplattform. Der Aufstieg war sehr beschwerlich und nur in eine Richtung, weil der Weg so eng war. Schlussendlich kamen wir zur Stelle, wo man einen schönen Ausblick hatte, nur um festzustellen, dass dieser Punkt keine 2 Schritte von dem Ort gelegen war, wo sich der Weg in die Einwegroute aufspaltete.

 

 

 

 

Kurz vor dem Ende, es war auch schon spät am Nachmittag, trafen wir eine Gruppe von jungen Deutschen Touristen. Guru sagte: „Viel Spass, it’s going to be a long way.“ Die Gruppe schmunzelte und fragte, wie lange es noch so steil hochgeht. Wir sagten, dass wir schon über eine Stunde unterwegs waren (ohne Umweg). „Ohh“, war die Reaktion. Sie wollten wissen, ob es unterwegs etwas zu Essen gäbe, weil sie hungrig waren. Wir mussten die Frage verneinen. Sonst gibt es überall Essen. Auf dieser Route nicht. Erst oben bei der Bergstation. Sie bedankten sich und wir wünschten ihnen viel Kraft. Unsere Warnung schien ihnen egal zu sein. Wir wissen nicht, ob sie es bis oben geschafft haben.

 

Unten ging es für uns wieder in den Bus zurück zum Parkeingang und von dort weiter bis hinunter ins Panda-Hostel. Wir kamen müde beim Hostel an und wurden freundlich begrüsst. Auch unser Gepäck war noch dort. Wir assen auswärts – keine Delikatessen diesmal – und bereiten uns auf die Zugfahrt nach Fenghuang vor.

 

 

 

 

 

 

 

 

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